Antifaschistische Tour ins Grüne.
Berichtvon der Kundgebenung bei der „Hausverwaltung“ des Berliner Thor Steinar Ladens „Tönsberg“

Am Sonntag den 25.03.2012 fand in Grube, einem Dorf in der Nähe von Potsdam, eine antifaschistische Kundgebung mit ca. 60 gut gelaunten Teilnehmern gegen den Naziladen „Tönsberg“ in Berlin-Weißensee statt, der Artikel der rechten Bekleidungsfirma „Thor Steinar“ vertreibt. Die im strahlenden Sonnenschein stattfindende Kundgebung unter dem Motto „Keine Geschäfte mit Neonazis“ war ein Versuch der Antifaschist_Innen, Kontakt mit dem bis dahin nicht zu erreichenden und in Grube wohnhaften Vermieters des Geschäfts, Klaus Rosenthal, aufzunehmen und zudem das Problem rechter Strukturen und Gewalt nicht nur in Berlin, sondern auch im Umland, wo Nazis leider noch recht unbehelligt ihre Gesinnung verbreiten können, aufzuzeigen.

Dass Nazistrukturen besonders auch in der Peripherie Brandenburgs ein Problem sind, das kaum auf Widerstand stößt, wurde dann auch prompt am Sonntag deutlich. Unerwartet hatten sich etwa 30 Neonazis aus dem Spektrum der Anti-Antifa Potsdam zu einer nicht angemeldeten Gegenkundgebung, der auf einen Antrag auf „Eilversammlung“ hin von der Polizei stattgegeben wurde, eingefunden. Allerdings mussten die Nazis ihre Kundgebung unter dem Motto „Gegen linke Gewalt“ fernab der Hauptstraße hinter der antifaschistischen Kundgebung abhalten, was ihre Außenwirkung erheblich minimierte. So wurde ihnen offensichtlich etwas der Wind aus den Segeln genommen, denn der auf ihrem Transparent prangenden Aufforderung „Aufmucken gegen Links“ kamen sie nicht nach, sondern standen stattdessen stumm und mit grimmigen Mienen auf dem brandenburgischen Feld. Auch die mitgebrachten Reichskriegsflaggen wurden eher halbherzig geschwenkt. Im Vorfeld hatten die Nazis allerdings in aller Frühe Galgen und Banner mit Drohungen für die angereisten Antifaschist_Innen aufgehängt und den Weg vom Bahnhof Potsdam-Golm zum Ort mit Aufklebern zugepflastert und mit rechten Parolen beschmiert, welche von den Teilnehmern bei einem guten gelaunten Spaziergang zurück zum Bahnhof entfernt und übermalt wurden, nachdem so einige Schreibfehler der Nazis wie „Anti-Antiva“ für Lacher gesorgt hatten. Das Erscheinen der Nazis an diesem Sonntagnachmittag in dem kleinen Ort, ihr Auftreten und auch die Art und Weise, in der sie den Antifaschist_Innen drohen wollten, zeigt allerdings deutlich, dass rechte Strukturen im Umland ein schwerwiegendes Problem sind, das sich unbehelligt ausbreiten kann und von den Bürgern toleriert und akzeptiert wird. Rechte Gesinnungen, Propaganda und Strukturen stoßen in diesen ländlichen Gegenden auf kaum Widerstand und Gegenstrukturen, sondern können sich ungestört entfalten. Dass die Nazis an diesem Nachmittag auftauchten und die Gegend mit rechter Propaganda verunstalteten, lag nicht in erster Linie am Erscheinen der Antifaschist_Innen, sondern daran, dass sie vor Ort  in großer Zahl präsent sind und im Berliner Umland sowieso vermehrt ihre Gesinnung nach außen tragen. Sie begreifen es als ihren Raum, in dem Antifaschist_Innen nichts zu suchen haben. Es ist somit wichtig, antifaschistische Aktionen wie die vom 25.03. auch dahin zu tragen, wo Nazis sich noch zuhause fühlen können!

Eine Antifa-Sprecher_in aus Potsdam verlas, passend zur Naziproblematik im Potsdamer Umland einen Redebeitrag, der neonazistische Übergriffe und Propaganda-Aktionen im ländlichen Raum thematisierte. Die Haupt-Aufmerksamkeit der Kundgebung lag jedoch auf dem Thema „Thor Steinar“-Laden in Weißensee, was letzten Endes auch dafür sorgte, dass die brandenburger Kameraden unbeachtet umherstanden und noch vor Beendigung der Kundgebung lustlos das Feld räumten.

Das Dorf als Schauplatz eines Konflikts, der eigentlich nach Berlin gehört“ überschrieb die MAZ den Artikel zum Antifa-Protest in Potsdam-Grube (01). Die Schlagzeile bringt relativ gut die größtenteils gleichgültige Stimmung der Grubener Einwohner_Innen auf den Punkt, hat aber einen Wahrheitsgehalt, den wir teilen. Denn der Konflikt um den „Thor Steinar“-Laden „Tönsberg“ ist tatsächlich ein Konflikt in und aus Berlin. Hauptproblem war bisher allerdings die ignorante Haltung des Vermieters des „Thor Steinar“-Ladens gegenüber der Problematik.

Klaus Rosenthal, Eigentümer der Immobilie in der Berliner Allee 11, vermietete wissentlich an die Firma „Thor Steinar“. Weder schriftliche Anfragen des Bezirksamtes, Anrufe lokaler Partei-Vertreter_Innen, noch Beratungsangebote der Mobilen Beratung gegen Rechts (MBR) oder Proteste des „Kein Kiez für Nazis“-Bündnisses vor dem Laden veranlassten Rosenthal zu einer Reaktion. Die lokalen Akteure im Berliner Nordosten, die sich seit Ende letzten Jahres gegen das rechte Ladengeschäft in Weißensee engagieren, werten dies als blanke Ignoranz gegenüber dem Problem, mit dem sie sich vor Ort konfrontiert sehen. Seit der Eröffnung des Ladens gesellt sich zu dem eh schon vorhandenen rechten Kientel in Weißensee, noch die Kundschaft des Geschäfts. Auch im Straßenbild des Bezirks taucht die Marke seit Oktober 2011 vermehrt wieder auf. „Thor Steinar“ stärkt damit das identitäre Selbstwertgefühl der lokalen Neonazis, die auch gern mal ihnen unliebsame Personen zusammenschlagen.

Einzig greifbare Möglichkeit mit dem Vermieter in Kontakt zu kommen oder zumindestens einen für ihn wahrnehmbaren Protest zu initiieren, war letzten Endes die Kundgebung in Potsdam-Grube. Nach längerer Diskussion und einigen Veränderungen der Ausgangslage in Grube wurde sich dafür entschieden, an der Aktion fest zu halten, da bisher alle anderen Möglichkeiten ausgeschöft wurden.

Greifbarer Anhaltspunkt blieb und bleibt darum der „Sitz“ der „Immo Haus GmbH“ in der Grubener Wublitzstraße, über deren Postanschrift und Telefonnummer bisher die Kommunikation der Mieter_innen der Berliner Allee 11 mit ihrem Vermieter Herrn Rosenthal liefen.

In Grube wurde mehr die angekündigte Kundgebung am 25. März als Problem gesehen, als die Tatsache, dass Klaus Rosenthal an Rechte vermietet. In der Woche vor der Kundgebung lief beim Versammlungsanmelder das Telefon heiß. Immer wieder wurde versichert, dass die Antifa nicht das Dorf niederbrennen wolle.

Der Ortsbeirat von Potsdam-Grube ließ verlautbarern, dass Grube „keinerlei Verständnis für faschistische Tendenzen“ habe, auch nicht für Läden wie den „Tönsberg“. Allerdings müssten notwendige politische Auseinandersetzungen mit rechtsstaatlichen Mitteln geführt werden. „Dazu gehören weder Straßenschlachten, noch Aktionen, die die Privatsphäre berühren“, hieß es in einer Erklärung des Ortsbeirates vom 20. März. (02)

 „Wir empfehlen zu dem genannten Zeitpunkt den weiteren Bereich um die Wublitzstraße 13 zu meiden.“ (03) ließ sich der örtlichen Webpräsenz des Ortes entnehmen. Der Aufforderung leistete die Mehrheit der Grubener folge. Anwohner_Innen lugten hinter ihren Gardinen hervor oder beäugten die Antifa-Kundgebung skeptisch. Auch gegenüber der MAZ zeigten sich die meisten Grubener nicht sonderlich gesprächsbereit: „die sollen uns in Ruhe lassen“ (04). Wesentlich solidarischer verhielten sich die Autofahrer_innen, die das Anliegen der Kundgebung während des Vorbeifahrens durch lautstarkes Hupen unterstützten.

Die Redebeiträge waren nicht konfrontativ, die Musik angemessen (1, 2, 3, usw.) und die Kundgebung verlief vollkommen problemlos. Da die Straßenschlachten nun doch ausblieben (es wäre wohl – gemessen an der Größe von Grube – auch ein sehr kurzweiles „Vergnügen“ gworden), gab es de facto nichts worüber mensch sich hätte aufregen können – außer vielleicht drei mitgebrachte Gartenzwerge. „Carola Walter, die als einzige vom Ortsbeirat gekommen war, ärgerte sich vor allem über drei Gartenzwerge, die für „nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“ standen und von den Linken an die Hauptstraße gepflanzt wurden. Das sei „eine völlig überflüssige und deplatzierte Provokation“, sagte sie.“ (05).

In Redebeiträgen und im Vorfeld wurde immer wieder verischert, dass die Kundgebung sich nicht gegen Grube richtet, sondern ein Appel an Herrn Rosenthal sei. In Redebeiträgen wurde, auf Grund der Tatsache, dass Klaus Rosenthal an diesem Sonntag nicht zu Haus war (Urlaub in Süd-Ostaseinen), an die Grubener appelliert, mit Herrn Rosenthal das Gespräch aufzunehmen, da wir den Vermieter des „Thor Steinar“-Ladens noch seltener zu Geischt bekommen, als dessen Nachbarn.
Die Positionierung des Ortsbeirates, „gegen Demonstrationen, die die politische Auseinandersetzung in die Privatsphäre tragen und die erfahrungsgemäß fast immer zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit rechten Sympathisanten führen“ (06) ignoriert die problematische Lage, in der wir uns befinden. Schließlich ist es nicht die Schuld der Menschen, die sich gegen den „Tönsberg“ stark machen, dass der Vermieter weder das Gespräch geuscht hat, noch, dass er (s)einen Wohnsitz als Postanschrift für seine „Immobilienfirma“ nutzt. Wir sehen darum in unserem Besuch in Grube keine „neue Qualität“ (07) linker Persönlichkeitsverletzung, wie es in Potsdamer Polizeikreisen hieß, sondern einzig probates Mittel, unseren Protest bei den Verantwortlichen zum Ausdruck zu bringen.

In Anbetracht der Tatsache, dass vor allem die „Kein Kiez für Nazis“-Kundgebung als eigentliches Problem gesehen wurde und nicht die missliche Lage, in der „wir“ uns befinden, müssen sich einige Grubener den Vorwurf wohl oder übel gefallen lassen, dass sie „nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“.Ganz ohne Wirkung scheint der Protest in Potsdam-Grube nicht gewesen zu sein. So wendete sich Herr Rosenthal an das Bezirksamt und machte die Bürger_innen-Initiative bzw. das “Kein Kiez für Nazis”-Bündnis für die “Verschönerung” des Ladens, und damit auch verbunden des Hauses, verantwortlich. Die von ihm geforderte Stellungnahme vom Bezirksbürgermeister Köhne blieb jedoch erfreulicherweise aus. Weiterhin hat er nun doch ein Beratungsgespräch von der MBR angenommen. Wir sagen: “Es geht doch!” und begrüßen ausdrücklich den Schritt seitens des Vermieters, sich nun doch mit dem etwas problematischen Mieter seines Hauses auseinanderzusetzen.

Wir hoffen, dass die Gespräche konstruktiv verlaufen und sind auch gern bereit, unsere Unterstützung anzubieten. Denn auch wir wollen nicht noch einmal hierher kommen müssen.“ (08).Danke an alle die da waren. Grüße gehen raus an die [a] Antifaschistische Linke Potsdam, die Antifa United, Antifa Westhafeland, an Solid  und die revolutionären Massen sowieso.Es bleibt dabei: „Keine Geschäfte mit Neonazis!“ 

Bündnis „Kein Kiez für Nazis!“ (April 2012)

Quellen:Berichte, Bilder, PM’s:

Noktalia: Fotos: “Kundgebung in Grube”
[a] Antifaschistische Linke Potsdam (AALP): PM “Keine Geschäfte mit Nazis!”
Antifa Westhavelland: Bilder/ Bericht “Antifaschistische Kundgebung in Potsdam-Grube”

01: MAZ, 26.03.2012, „Grube in Aufruhr“
02:
PNN, 21.03.2012, „Grube sorgt sich wegen Antifa-Demo“
03 Website der Ortschaft Grube, Stand 27.03.2012
04:
MAZ, 26.03.2012, „Grube in Aufruhr“
05:
MAZ, 26.03.2012, „Grube in Aufruhr“
06:
PNN, 21.03.2012, „Grube sorgt sich wegen Antifa-Demo“
07:
PNN, 09.03.2012, „Erste Probe für neuen Polizeichef Antifa will in Grube demonstrieren“
08:
Kein Kiez für Nazis, 25.03.2012, Redebeitrag: „Straßenschlachten in Grube?“